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Argumente für und gegen eine Patientenverfügung
Pro(Dr. Klaus Witt) Soll ich Tod und Sterben ansprechen? Viele Menschen, Betroffene wie Angehörige, vermeiden das Thema und wenden viel Energie auf, es nicht zu beachten. Kann ich als Angehöriger einen Betroffenen damit konfrontieren? Besonders, wenn er/sie glaubt, wieder zu genesen? Kann ich als Betroffener meine Angehörigen damit belasten? Den meisten Menschen fällt es schwer, sich mit der eigenen Vergänglichkeit zu befassen. Vielen ist es noch schwerer, sich mit Ihrer Familie und Freunden damit auseinander zu setzen. Eine Vermeidung des Themas kann leider dazu führen, dass es unausgesprochen viel Raum einnimmt, Ängste bindet und Energie kostet. Oftmals leider, bis es zu spät ist. Wenn der Betroffene sich selbst nicht mehr verständlich machen kann, müssen die Konsequenzen von allen getragen werden. Dann ist die Zeit für klärende Worte vergangen und unumgängliches muss ertragen werden. Lassen Sie es nicht unnötigerweise so weit kommen.
Nach meinen Erfahrungen haben viele Erkrankte mehr Angst vor unnötigen und aussichtslosen Leiden, als letztendlich vor dem Tod selbst. Wer sterbende Menschen begleitet hat, weiß dass der Tod auch eine Erlösung sein kann. Wenn Sie eigenes unnötiges Leiden verhindern wollen und/oder verbleibende Energie für ehrlichen Austausch nutzen möchten, schaffen Sie sich Freiraum. Teilen Sie Ihren Willen rechtzeitig mit und legen Sie es schriftlich fest.
Wenn Sie es für sich für unbedeutend halten, prüfen Sie, ob es Ihnen vielleicht zum Wohle Ihrer Angehörigen, Frau, Mann oder Kindern wichtig sein könnte.
Machen Sie eine Patientenverfügung und entlasten Sie sich aus der Angst vor Leiden. Helfen Sie Ihren behandelnden Ärzten und Angehörigen, indem Sie soweit möglich die Entscheidungen über Ihre Behandlung und Pflege festlegen. Sprechen Sie aus, was Ihnen wichtig erscheint, was Sie mitteilen möchten. Stellen Sie sich Ihren Emotionen! Reden Sie mit Ihren Lieben und gewinnen Sie so für sich und Ihre Mitmenschen eine geklärte Atmosphäre. So gewinnen Sie Energie für verbleibende schöne Stunden und Erlebnisse. Regeln Sie alles, was Ihnen am Herzen liegt. Dazu sollte auch ein Testament und die Absprache Ihrer späteren Beerdigung gehören.
Auch vermeintlich gesunde Menschen wissen nie, wie lange sie leben werden. Eine rechtzeitige Auseinandersetzung mit dem Tod schadet nicht, sondern hilft Ihnen zu leben. Arbeiten Sie das Thema konstruktiv und offen ab, damit es zu keiner unterschwelligen Belastung wird. Denn gerade nachdem Sie alles Unangenehme geklärt und Schmerzliches ausgesprochen haben, können Sie noch viele Jahre oder Jahrzehnte leben und Ihr Leben befreit genießen.
Sie können mit klaren Regelungen, wie Patientenverfügung, Testament und letzter Wünsche nur gewinnen. Das Thema Tod, mögliche Angst vor Schmerzen und endlosem Leiden, kosten dann keine Energie mehr und Sie können sich voll auf das Leben konzentrieren. Kontra(Andreas Kesler) Leben hat nie begonnen und wird auch nie enden. Geburt und Sterben scheinen hingegen beobachtbare Fakten und Ereignisse im persönlichen Leben eines Menschen zu sein. Real sind diese Ereignisse allerdings nur im Moment Ihres Erscheinens. Der menschliche Verstand versucht jedoch Geschichten um diese Ereignisse zu schreiben und stellt sich vor, wie es war oder wie es sein wird, wenn diese Erfahrungen eintreffen. Diese Da-Vor-Stellungen von vergangenen oder zukünftigen Erlebnissen verhindern zu erfahren, was jetzt gerade wirklich und real erlebbar ist. Die Möglichkeit den gegenwärtigen Augenblick voll zu leben wird eingetauscht gegen eine schmerzvolle Phantasie über einen denkbaren Lebensmoment in einer sehr persönlichen Vorstellungswelt. Im Hinblick auf das Sterben sind diese Imaginationen meist begleitet von ängstlichen Empfindungen, die die Ideen von vollkommener Kontrollosigkeit und damit einhergehenden unerträglichen körperlichen Schmerzen widerspiegeln. Leid ist das Ergebnis aus dem Versuch nicht fühlen zu wollen, was gerade in diesem Moment tatsächlich gefühlt wird. Ein unmöglich zu gewinnender Kampf - gegen das, was ist. Diesen Kampf im Kopf mit einem Ereignis zu führen, das noch gar nicht da ist, und dessen Umstände völlig unbekannt sind, ist ein sicherer Weg unnötiges Leid in diesen Augenblick zu bringen.
Eine Patientenverfügung soll meistens genau diesen Zweck erfüllen, da Sie den ultimativen Versuch darstellt, sogar noch das Sterben kontrollieren zu wollen. Es ist zu bezweifeln, dass nach dem Ausfüllen einer Patientenverfügung Ruhe und Frieden in den Menschen eintritt. Denn dies ist der verbriefte Kontrollwunsch mit dem Zweck den eigenen Willen notfalls auch im Koma durchzusetzen. ICH gegen das Universum. ICH gegen Gott. ICH gegen die Realität. Zur Not auch mit juristischer Hilfe. Der Zweifel an der Zukunft, und dem Erfolg dieser Maßnahmen zur Vermeidung künftigen Leids, wird bleiben. Zumal man nicht wissen kann, wie morgen über alles gedacht wird. Wie es sich wirklich anfühlen wird, hilflos zu sein. Und ob die in meiner Patientenverfügung bestellten Personen in meinem Sinne entscheiden können und wollen oder damit hoffnungslos überfordert sein werden. Wirklicher Friede wird so im Gegenwärtigen nicht geschaffen.
Die Empfindung von Frieden, und die Liebe zu dem eigenen Leben, stellt sich jedoch auf natürliche Weise ein, wenn der Kampf gegen die aktuellen Empfindungen eingestellt wird. Und das gilt zum Glück auch für jeden zukünftigen Moment in einem Sterbebett. Was definitiv sterben wird sind die ablehnenden Gedanken - das Leben wird auch danach unbeeindruckt weitergehen. Leben ist das was passiert, während Sie eine Patientenverfügung schreiben oder keine Patientenverfügung schreiben. Jetzt, in diesem Moment. Mehr Informationen Ein Vorlage für eine Patientenverfügung können Sie sich hier herunterladen: http://www.aerztekammer-hamburg.de/patienten/patientenverfueg.htm |